Beschreibung
Ohara Koson – Nandina mit Fliegenschnäppern
Originaler japanischer Holzschnitt
Autor: Ohara Koson (小原 古邨, 1877–1945).
Originaltitel: Setchū nanten to rurichō.
Erstellt/veröffentlicht: 1929.
Technik: farbholzschnitt.
Format des Originals: vertikales ōban nishiki-e (36,35 × 24,13 cm).
Beschreibung: der farbige Holzschnitt „Nandina mit Fliegenschnäppern“ (Setchū nanten to rurichō) gehört zu den bedeutendsten Naturmotiven Kosons aus dem späten Jahrzehnt der 1920er Jahre, als der Künstler eine außergewöhnliche Balance zwischen dekorativer Wirkung und präziser Naturbeobachtung innerhalb der Tradition der japanischen Holzschnitte erreichte. Die Komposition zeigt ein Paar Fliegenschnäpper (rurichō) in einer winterlichen Landschaft, sitzend zwischen den Zweigen der Nandina, deren leuchtend orangefarbene Beeren mit dem Schnee und dem gedämpften Hintergrund kontrastieren.
Koson arbeitet hier meisterhaft mit Farbkontrasten: Das tiefe Blau und Schwarz des Gefieders hebt sich deutlich von der hellen Schneefläche und den warmen Tönen der Beeren ab. Blätter und Zweige der Nandina bilden ein feines Liniengeflecht, das den Bildraum strukturiert und zugleich die Bewegung der Vögel rahmt. Einer der Fliegenschnäpper ist in ruhiger Haltung dargestellt, während der andere im Moment des Landens oder Auffliegens die Flügel öffnet, wodurch ein dynamisches Gleichgewicht zwischen Stillstand und Bewegung entsteht.
Die winterliche Atmosphäre wird durch ein feines Punktmuster im Hintergrund verstärkt, das fallenden Schnee evoziert, sowie durch eine insgesamt gedämpfte Farbpalette, die den Hauptmotiven Raum zur Entfaltung lässt. Kosons Fähigkeit, einen flüchtigen Moment in der Natur einzufangen, erreicht hier besondere Sensibilität: Es handelt sich nicht um eine rein beschreibende ornithologische Studie, sondern um ein lyrisches Bild, in dem sich Schönheit von Form, Farbe und Jahreszeit begegnen.
Das Blatt „Nandina mit Fliegenschnäppern“ ist ein typisches Beispiel für Kosons reifes Schaffen im Rahmen der Bewegung shin-hanga. Es verbindet traditionelle japanische Symbolik – die Nandina als mit dem Winter und Schutz assoziierte Pflanze – mit einem modernen Gespür für Komposition und Atmosphäre. Das Werk wirkt somit wie eine stille Meditation über die Harmonie der Natur und die Vergänglichkeit des Augenblicks, ein zentrales Merkmal von Kosons künstlerischem Vermächtnis.
Text: © AtelierEdition
Bildquelle: © The Metropolitan Museum of Art
Ohara Koson
Ohara Koson (1877–1945), auch unter den Künstlernamen Shōson und Hōson bekannt, gehört zu den wichtigsten Vertretern des japanischen Holzschnitts der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und gilt als zentrale Persönlichkeit der Bewegung shin-hanga, die eine Erneuerung des traditionellen ukiyo-e im Dialog mit moderner Ästhetik und einem internationalen Publikum anstrebte. Sein Werk konzentriert sich vor allem auf Darstellungen von Vögeln, Blumen und Naturszenen, in denen er präzise Naturbeobachtung mit feiner Lyrik und hoher technischer Vollendung verbindet.
Koson erhielt seine Ausbildung in der traditionellen Malerei der Nihonga-Schule, und seine Arbeiten beruhen auf einer tiefen Kenntnis der klassischen japanischen Ästhetik. Zugleich reagierte er auf die neuen Anforderungen seiner Zeit, insbesondere auf das wachsende Interesse ausländischer Sammler an japanischer Kunst. In Zusammenarbeit mit Verlegern wie Watanabe Shōzaburō und Daikokuya schuf er ein umfangreiches Œuvre, das sich durch hohe Druckqualität, feine Farbverläufe und einen sensiblen Umgang mit Licht auszeichnet.
Ein charakteristisches Merkmal von Kosons Kunst ist die Fähigkeit, flüchtige Momente der Natur festzuhalten – das stille Verweilen eines Vogels auf einem Zweig, den Flug eines Kranichs über der Wasserfläche oder die fragile Schönheit von Blüten im Morgenlicht. Seine Kompositionen sind ausgewogen, ruhig und häufig meditativ; der Akzent liegt auf Atmosphäre und Stimmung statt auf dramatischer Handlung. In dieser Hinsicht knüpft er an die Tradition der klassischen japanischen Malerei an und steht zugleich exemplarisch für die Welt der japanischen Holzschnitte.
Lange Zeit war Ohara Koson weniger bekannt als andere Künstler des shin-hanga, doch heute wird sein Werk hoch geschätzt und ist in den bedeutendsten internationalen Sammlungen japanischer Kunst vertreten. Seine Drucke befinden sich unter anderem in den Beständen des The Metropolitan Museum of Art in New York, des British Museum in London, des Museum of Fine Arts Boston, des Rijksmuseum in Amsterdam und des Tokyo National Museum. Für das deutsche Publikum ist besonders hervorzuheben, dass repräsentative Beispiele seiner Farbholzschnitte in der Sammlung des Museum für Ostasiatische Kunst in Köln sowie im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg bewahrt werden.
Heute gilt Ohara Koson als Meister der poetischen Naturdarstellung und als eine der feinsten Stimmen des modernen japanischen Holzschnitts.
Japanische Begriffe
Bijin-ga (美人画)
„Bilder schöner Frauen“ – Darstellungen von Kurtisanen, Geishas und dem Ideal weiblicher Schönheit.
Betonen Eleganz, Mode, Frisuren und die feine Psychologie der dargestellten Figuren.
Bokashi (ぼかし)
Technik des fließenden Farbverlaufs ohne harte Kanten.
Wird für Himmel, Wasser oder atmosphärische Effekte verwendet.
Diptychon
Zweiteiliges Blatt, das eine gemeinsame Bildkomposition bildet.
Häufig bei dramatischen Szenen und Schauspielerporträts.
Fūkei-ga (風景画)
Landschaftsholzschnitte mit Darstellungen von Natur, Städten und Reiserouten.
Ein Genre, das durch Meister wie Hiroshige und Hokusai berühmt wurde.
Hangi (版木)
Hölzerner Druckstock, in den das Bild eingeschnitten wird.
Für jede Farbe ist ein eigener hangi erforderlich.
Karazuri (空摺)
Blinddruck – Druck ohne Farbe zur Erzeugung eines Reliefs auf dem Papier.
Wird häufig bei luxuriösen Drucken und surimono eingesetzt.
Kabuki (歌舞伎)
Traditionelles japanisches Theater mit ausdrucksstarkem Spiel und stilisierten Kostümen.
Kabuki-Schauspieler gehörten zu den beliebtesten Motiven des ukiyo-e.
Kachō-ga (花鳥画)
Genre mit Darstellungen von Blumen und Vögeln, oft mit symbolischer Bedeutung.
Besonders beliebt im späten ukiyo-e und im modernen Holzschnitt.
Kento (見当)
Passmarken, die in den Druckstock geschnitten werden, um die Farben exakt auszurichten.
Sie gewährleisten die korrekte Überlagerung der einzelnen Druckplatten.
Meisho-e (名所絵)
Darstellungen berühmter Orte Japans – Tempel, Brücken und Landschaften.
Oft verbunden mit Reisen und saisonalen Motiven.
Nishiki-e (錦絵)
Mehrfarbiger japanischer Holzschnitt, gedruckt von mehreren Druckstöcken, von denen jeder eine Farbe trägt.
Diese Technik ermöglichte die reiche Farbigkeit und den Detailreichtum des klassischen ukiyo-e.
Ōban (大判)
Standardformat des Holzschnitts mit etwa 25 × 38 cm.
Wurde vor allem für Schauspielerporträts, Kurtisanen und Landschaften verwendet.
Ōban nishiki-e
Farbholzschnitt in der Technik des nishiki-e im Format Ōban.
Der verbreitetste Typ des klassischen japanischen Holzschnitts.
Sumizuri-e (墨摺絵)
Einfarbige Drucke, die ausschließlich mit schwarzer Tusche ausgeführt wurden.
Vorläufer der mehrfarbigen nishiki-e.
Surimono (摺物)
Luxuriöse, privat herausgegebene Holzschnitte für einen kleinen Kreis von Kennern.
Zeichnen sich durch feinen Druck, Blindprägung und kostbare Pigmente aus.
Triptychon
Komposition aus drei einzelnen Drucken, die zusammen ein Bild ergeben.
Wurde für Schlachten, Feste und großformatige erzählerische Szenen verwendet.
Ukiyo (浮世)
„Vergängliche Welt“ der städtischen Vergnügungen, Theater und Genüsse der Edo-Zeit.
Philosophische Grundlage, aus der das ukiyo-e hervorging.
Ukiyo-e (浮世絵)
„Bilder der vergänglichen Welt“ – japanische Holzschnitte der Edo- und Meiji-Zeit mit Darstellungen schöner Frauen, Kabuki-Schauspieler, Landschaften und des Alltagslebens.
Ukiyo-e prägte die visuelle Kultur Japans und beeinflusste maßgeblich die europäische Kunst des 19. Jahrhunderts.
Washi (和紙)
Traditionelles japanisches handgeschöpftes Papier aus Maulbeerfasern.
Es zeichnet sich durch Festigkeit, Elastizität und lange Haltbarkeit aus.
Yakusha-e (役者絵)
Holzschnitte mit Darstellungen von Kabuki-Schauspielern in ihren berühmten Rollen.
Sie fungierten als Theaterporträts und visuelle Werbung für die Schauspieler.