Beschreibung
Autor: Wenzel Hollar (Václav Hollar, Wenceslaus Hollar Bohemus), 1607–1677.
Titel: Salvator Mundi.
Entstehungsjahr: 17. Jahrhundert.
Technik: Radierung auf Papier.
Beschreibung: die Radierung Salvator Mundi von Wenzel Hollar zählt zu seinen bedeutendsten figürlichen Blättern mit religiöser Thematik und steht zugleich in direkter Beziehung zur Tradition der Hochrenaissance-Malerei. Christus ist frontal dargestellt, in ruhiger und ausgewogener Komposition, mit erhobener rechter Hand zum Segen und einer durchscheinenden Weltkugel in der linken – Symbol der Welt und der göttlichen Ordnung des Kosmos.
Das ikonographische Schema folgt dem Typus des Salvator Mundi, der am häufigsten mit dem Werk Leonardo da Vincis verbunden wird. Gerade die Leonardo zugeschriebene Fassung, heute bekannt durch ein außergewöhnlich seltenes und kontrovers diskutiertes Gemälde, beeinflusste nachhaltig spätere graphische und malerische Interpretationen dieses Motivs. Hollars Radierung entstand nicht als freie Erfindung, sondern als graphische Paraphrase einer älteren malerischen Vorlage, die Leonardo zugeschrieben wurde. Auf diese Weise verbreitete sich die Komposition in Europa noch lange nach ihrer Entstehung.
Hollar beweist hier seine außerordentliche Fähigkeit, eine malerische Vorlage in die Sprache der Druckgraphik zu übertragen. Die feine Lichtmodulation im Gesicht, die präzise gearbeiteten Locken des Haares und die sensibel gesetzten Schattierungen zeugen von technischer Virtuosität. Der Ausdruck Christi bleibt ruhig, konzentriert und frei von dramatischem Pathos – näher am Ideal geistiger Ausgeglichenheit der Renaissance als an barocker Expressivität.
Auf dem Blatt findet sich eine lateinische Inschrift, die sowohl auf die malerische Vorlage als auch auf die graphische Ausführung verweist. Der Hinweis „Leonardus da Vinci pinxit“ bezieht sich auf die Leonardo zugeschriebene Bildquelle, während „Wenceslaus Hollar fecit“ die Urheberschaft der Radierung bestätigt. Das Werk fungiert somit nicht nur als religiöses Andachtsbild, sondern auch als Dokument der Verbreitung berühmter Bildfindungen durch das Medium der Graphik.
Das Motiv Christi als Erlöser der Welt ist hier von außergewöhnlicher Zurückhaltung und Noblesse geprägt. Die durchscheinende Kugel in seiner Hand stellt nicht nur ein theologisches Attribut dar, sondern auch eine technische Herausforderung, bei der Hollar mit feinster Linie Volumen, Glanz und Transparenz andeutet. Gerade diese subtilen Details zählen das Blatt zu den qualitätvollsten Radierungen des 17. Jahrhunderts, in denen sich technisches Können und geistiger Gehalt auf besondere Weise verbinden.
Hollars Salvator Mundi ist somit ein eindrucksvolles Beispiel für den Dialog zwischen dem Ideal der Renaissance und der barocken Druckgraphik. Zugleich belegt das Werk, wie Graphik als Medium der Erinnerung fungierte – sie bewahrte und verbreitete die Gestalt berühmter Gemälde auch dann, wenn deren Originale nur wenigen zugänglich waren.
Dieses Werk steht exemplarisch für die europäische Druckgraphik des 17. Jahrhunderts und wird hier als hochwertige Sammleredition präsentiert.
Text: © Atelier Edition.
Bildquelle: © The Metropolitan Museum of Art.
Wenzel Hollar
Wenzel (Václav) Hollar (1607, Prag – 1677, London) zählt zu den bedeutendsten europäischen Graphikern des 17. Jahrhunderts und zu den bekanntesten aus Böhmen stammenden Künstlern mit internationaler Wirkung. Er war Meister des Kupferstichs und der Radierung; sein Werk umfasst Veduten, Landschaften, Porträts, Karten sowie feine Studien des Alltagslebens.
Hollars Graphik zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Feinheit der Linie, zeichnerische Sicherheit und ein sensibles Beobachten der Wirklichkeit aus. Im Gegensatz zum dramatischen Pathos barocker Malerei wirken seine Arbeiten ruhig, präzise und dokumentarisch. Mit bemerkenswerter Genauigkeit hielt er die Gestalt europäischer Städte, Landschaften und Architektur fest.
Einen bedeutenden Teil seines Lebens verbrachte Hollar in England, wo unter anderem seine berühmten Ansichten Londons vor dem Großen Brand von 1666 entstanden. Seine Werke sind heute in führenden internationalen Graphiksammlungen vertreten und stellen ein einzigartiges visuelles Zeugnis des europäischen Raumes im 17. Jahrhundert dar.
Graphische Begriffe
Kupferstich
Grafische Tiefdrucktechnik, bei der die Zeichnung mit einem Stichel direkt in eine Kupferplatte eingeschnitten wird. Charakteristisch sind eine klare, scharf definierte Linie und hohe zeichnerische Kontrolle.
Radierung
Tiefdruckverfahren, bei dem die Zeichnung mit einer Nadel in eine säurebeständige Schicht auf einer Metallplatte geritzt wird. Die Linien entstehen durch das Ätzen mit Säure. Die Radierung wirkt meist freier und skizzenhafter als der Kupferstich.
Tiefdruck
Druckverfahren, bei dem die druckenden Elemente vertieft in der Platte liegen. Die Farbe sammelt sich in den eingeritzten Linien und wird unter hohem Druck auf das Papier übertragen.
Kupferplatte
Metallplatte (meist aus Kupfer), in die das Motiv eingeschnitten oder eingeätzt wird. Sie bildet die Grundlage für den Druckvorgang.
Stichel
Spezialwerkzeug aus gehärtetem Stahl mit scharf geschliffener Spitze, mit dem Linien direkt in die Metallplatte geschnitten werden. Unterschiedliche Formen erlauben variierende Linienbreiten.
Ätznadel
Werkzeug zum Zeichnen in die Schutzschicht einer Radierplatte. Die freigelegten Linien werden anschließend durch Säure vertieft.
Schraffur
System aus parallelen oder sich kreuzenden Linien zur Modellierung von Licht und Schatten. Zentrales Ausdrucksmittel im Kupferstich.
Kreuzschraffur
Mehrlagige, sich überkreuzende Linienführung zur Verdichtung von Schattenpartien und zur Erzeugung plastischer Tiefe.
Plattenton
Feiner Farbton, der bei der Radierung durch bewusstes Stehenlassen von Restfarbe auf der Platte entsteht. Er erzeugt weiche atmosphärische Effekte.
Abzug
Einzelnes gedrucktes Exemplar eines graphischen Blattes. Frühere Abzüge zeichnen sich häufig durch schärfere Linien aus.
Zustand (Druckzustand)
Bezeichnet Veränderungen an der Druckplatte im Verlauf ihrer Nutzung. Unterschiedliche Zustände können sich in Details oder Inschriften unterscheiden.
Signatur
Künstlerischer Namensvermerk auf dem Blatt, häufig mit lateinischen Zusätzen wie „fecit“ (hat es gemacht), „sculpsit“ (hat es gestochen) oder „pinxit“ (hat es gemalt).
Edition
Moderne, qualitätsvolle Reproduktion eines historischen graphischen Blattes, gedruckt unter Beachtung der originalen Linienführung und Tonalität.
Handgeschöpftes Papier
Traditionell hergestelltes Papier mit charakteristischer Struktur und hoher Haltbarkeit. Besonders geeignet für hochwertige Reproduktionen von Tiefdrucken.
Ikonographie
Lehre von der Bedeutung und Deutung von Bildmotiven. Hilfreich zur Einordnung religiöser, allegorischer oder historischer Darstellungen.
Vedute
Detailreiche Stadt- oder Landschaftsansicht mit dokumentarischem Charakter, besonders verbreitet im 17. und 18. Jahrhundert.